Gunther Keusen • „…die holunderrote Spur“

 

Gunther Keusen wurde 1939 in Düsseldorf geboren. Aufgewachsen ist er in Mecklenburg und Westfalen.
Von 1959 bis 1961 absolvierte er ein Studium am Hochschulinstitut für Kunst- und Werkerziehung Saarbrücken bei Oskar Holweck, Karl Kunz und Otto Steinert. Danach studierte er ein Jahr lang an der Kunstakademie München in der Klasse für Malerei bei Joseph Oberberger. Bis 1964 setzte Keusen seine Ausbildung als freier Graphiker an der Kunstakademie Düsseldorf bei Otto Coester fort und schloß mit dem Kunsterzieher-Examen ab.
Begonnen hat Gunther Keusen zunächst als Fotograf durch ein Stipendium der Stiftung Volkswagenwerk für fotografische Untersuchungen, wo er sich von 1964 bis 1966 mit Fotogrammen und fotografischen Sequenzen auseinandersetzt.
Es folgen bis 1971 fünf Jahre als Leiter der Grundlehre an der Werkkunstschule Bielefeld.
1972 wird Keusen als Professor für freie Graphik an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, Abteilung Münster, berufen.
In den Siebziger Jahren erweitert sich seine künstlerische Tätigkeit mit verschiedenen Kunst-am-Bau-Projekten (1974 und 1977), der Einrichtung einer Radierwerkstatt in Münster (1975), der Teilnahme an einem druckgraphischen Symposium, sowie der Uraufführung der Erstfassung des Theaterstücks „Geschäftsreise“ in Münster zum 200. Geburtstag von Heinrich von Kleist (1977). In dessen Werken sowie auch denen von Hölderlin findet Keusen Antworten auf Fragen seiner künstlerischen Praxis. „Die Anregung meiner Art von Landschaftsmalerei fand ich bei H.v. Kleist, der wunderbare Wirkungen voraussagte, wenn eine Seelandschaft ‚mit ihrer eigenen Kreide und ihrem eigenen Wasser‘ gemalt werde.“
In der Auseinandersetzung mit Poetik verfaßt Keusen Gedichte und Texte voll visueller Poesie. Er beginnt 1977 die Postkartenedition „Geschäftswechsel“ und gibt 1979 eine „Erste Mappe Druckgraphik“ heraus. Die Tonbandaufnahmen „Regenmusik“ (1981), eine Performance mit sechs Sprachstücken (1984) sowie das Buchprojekt „Hälfte des Lebens – Ein Wechselgesang“ (1989) stehen für die breite Fächerung seines künstlerischen Schaffens.
Von 1979 bis 1995 fungiert Keusen zeitweise als Leiter bzw. späterer Rektor der heutigen Kunstakademie Münster.
Er lebt und arbeitet in Köln und Chiddes/Bourgogne. Seine Arbeiten befinden sich in zahlreichen öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland.
1982 markiert ein Jahr, in dem die erste Fassung des „Liedes vom holden Holunder“ erscheint. Hier lenkt Gunther Keusen seine künstlerischen Aktivitäten wieder in engere Bahnen, indem er hauptsächlich mit der Malerei pflanzlicher Mittel - wie dem Holunder, dem Sambucus nigra und dessen Extrakten - beginnt.
Seit nunmehr 25 Jahren malt Keusen eine holunderrote Spur in die moderne Kunstgeschichte hinein. Auf ausgedehnten Wanderungen erntet er die flachen Schirmrispen, welche aus vielen Einzelblüten bestehen sowie die Beeren des Holunders, die den violetten Farbstoff Sambucyanin enthalten. Der Künstler presst die Beeren und kocht den Holunder aus. Dabei findet er beinahe alchemistische Rezepturen um das Farbspektrum des Beerensaftes aufzufächern. Manchmal zerstampft er die Beeren, manchmal streift er mit deren Blüten und Blättern über die Oberfläche eines Aquarellpapiers.
„In einer Beere ist das gesamte Farbenspektrum von tiefbraun bis rot, blau und grün enthalten“, sagt Keusen. „Grün bekommt man allerdings nur mit Sprudelwasser – aber nicht jedes Wasser funktioniert.“ – „Auch mit Mus und Matsche kann ich etwas anfangen“, erzählt er.
Der Kochprozeß wird mehrfach wiederholt, wodurch sich die Farbe jedes Mal ändert. Neben dem Arbeiten mittels Pinseln, nutzt er auch gelegentlich gleich seine Finger und zerdrückt den Holunder auf der Bildoberfläche. Andere Bilder fertigt er aus reinem Holundersaft. Solche Bilder nennt Gunther Keusen „Holunderelle“.
Aus Holundersäften, Beerenschlamm, Holunderdolden, die wie Miniaturbäumchen in Reih‘ und Glied angeordnet erscheinen, mit Pigment, Tusche und Asphaltlack schafft Gunther Keusen einen Kosmos, der wie durch ein Mikroskop betrachtet erscheint. Die Faszination der Veränderungen durch Farbaufhellung des Naturstoffes und die Transparenz des Papierträgers kann der Betrachter auf großflächigen Wandarbeiten nachempfinden.


Michael Wessing

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